Schreibtipp #1: Der akustische Dialog

Wer Dialogbücher für Hörspiele schreibt, denkt in Tönen. Das gibt das Medium vor, mehr als die Tonebene bleibt dem Rezipienten nach Betrachtung des Covers nämlich nicht übrig. Also denkt der fleißige Hörspielautor in quietschenden Türen, raschelnden Lederjacken und nervenraubend laut ächzenden Dielenböden. Am besten mit einer Standuhr in jedem Raum. Stille im Hörspiel ist gleichbedeutend mit Leere und kann nur allzu leicht mit mangelnder Kreativität bei der Szenengestaltung verwechselt werden. Doch so wichtig die Geräuschebene beim Schreiben von Hörspielskripten ist, den Kern machen die Dialoge aus. Dialoge von etwas anderer Machart, als sie in Romanen oder in Filmen geschrieben werden. Darf ich vorstellen? Der akustische Dialog.

Das, was zwischen den Zeilen steht

Was ist ein akustischer Dialog? Hierbei handelt es sich um meine persönliche Bezeichnung für den Hörspieldialog mit all seinen Eigenheiten. Er beschreibt, ohne zu beschreiben. Er sagt mehr und verwendet weniger Worte. Er erzeugt Bilder, aber für jeden individuell. Das alles kann ein gut geschriebener Dialog schaffen, wenn er auf das akustische Zielmedium Hörspiel hin geschrieben wurde.
‚Dialog‘ stammt vom altgriechischen diálogos und meint das Gespräch. Lebendige Worte, gesprochen im Hier und Jetzt. Vergänglich. Ihre Bedeutung erfahren sie in der Gegenwart, in ihrem jeweiligen Moment. Dies im Hinterkopf zu behalten ist elementar, schließlich sollen unsere Hörspieldialoge zwar Informationen vermitteln und auch einen gewissen Flair transportieren, dabei aber so natürlich klingen, als hätten wir das Gespräch gerade eben noch selbst mit ein paar Freunden auf dem Balkon geführt.
‚Akustisch‘ deswegen, weil eben jenes Gespräch nur gehört werden kann. Wir sehen keine Schauspieler vor uns. Wir haben weder die Mimik, noch die Körperhaltung, noch das Setting als visuelle Unterfütterung bei der Interpretation der zu betrachtenden Szene. All das fehlt und kann doch erzeugt werden, und zwar durch Subtext. Das, was zwischen den Zeilen steht und uns mehr bewegt, als das Gesagte an sich. Dieser Subtext wird durch eine kluge Wortwahl erzeugt – und natürlich eine entsprechende Interpretation durch die Schauspieler.

Das Problem mit dem Erzähler

„Lass mich dir ein Bild mit Worten malen“ ist einer dieser romantischen Sinnsprüche, die hier sowohl zutreffen, als auch danebenliegen. Natürlich sollen beim Rezipienten Bilder erzeugt werden, er soll die Story ja verstehen. Noch besser wären Gefühle, schließlich ist das Erzeugen von Emotionen das Hauptziel jeder fiktionalen Literatur. Aber wie stellt der kluge Autor das an?
Man könnte natürlich mit dem Erzähler arbeiten. Der reißt den Hörer zwar aus der lebendigen Szene und erklärt alles Mögliche, aber der Autor spart sich Arbeit. Er schreibt, als wäre es ein Roman, klatscht das Etikett ‚Erzähler‘ darüber und kann sich dann der nächsten Szene widmen. Die Verlockung ist groß, das kann ich verstehen. Allzu leicht rutscht man mit der Feder aus und verfasst Sätze, die kein normaler Mensch im Alltag so sagen würde. Das ist gefährlich, denn die Rezipienten empfinden solche Dialoge als platt und schlecht geschrieben, womit sie auch gar nicht so falsch liegen.

Show, don’t tell!

Schön und gut, diesen Leitspruch akzeptiert jeder Schreiberling, aber wie soll er im Hörspiel umsetzbar sein? Ist das Fehlen der visuellen Ebene nicht der Tod für jeden Dialog? Schließlich sprechen wir im Alltag selten Dinge aus, die wir sehen können. Wozu auch? Wir haben sie vor Augen, mehr ist nicht notwendig.

Um das Ganze abzumildern: Wer meine Serie Wayne McLair kennt, weiß, dass ich da sogar mit zwei Erzählern arbeite. Erzähler haben auch enorme Vorteile, doch das führt zu weit. Und es geht auch ohne. Twilight Mysteries hingegen arbeitet erzählerlos. Geht auch. Und macht Spaß!

Dad, das ist ein Mietwagen.

Und genau an dieser Stelle kommt der akustische Dialog ins Spiel. Eine Gesprächsart, die alle gewünschten Informationen transportiert, dabei nicht auf Erzähler zurückgreift und so natürlich klingt, dass alle Hörer zufrieden nicken und die Szenerie vor ihrem Inneren Auge sehen.

Hier ein Beispiel aus der Serie Monster 1983:

Sheriff Cody ist mit seinen Kindern auf der Flucht und mietet sich ein Auto. Er ist nervös, seine Kinder gehorchen ihm zwar, sind aber unzufrieden, dass sie Heim und Freunde zurücklassen mussten. Zuvor waren sie im Zug unterwegs, das neue Transportvehikel muss also kurz angeführt werden, da die reine Geräuschebene zwar unterstützt, aber nicht immer ausreicht. Der Dialog muss es abbilden. Die Lösung, die Autor Ivar Leon Menger fand, ist simpel, elegant und überraschend kurz. Werfen wir einen Blick darauf:

CODY:
(zündet sich eine Zigarette an, raucht)

MICHAEL:
(von der Rückbank, leicht vorwurfsvoll, aber auch nervös) Dad, das ist ein Mietwagen. Hier darf man nicht rauchen.

CODY:
(raucht) Ich weiß, Michael. Ist doch egal.

MICHAEL:
Hmpf.

Subtext

Obwohl das Thema des kurzen Gesprächs das Rauchverbot in gemieteten Fahrzeugen ist, geht es in Wahrheit um etwas anderes. Der Subtext bleibt dem Hörer oder Leser im Gedächtnis. Hier haben wir einen Polizisten, der nicht nur vor seinen Kindern raucht, sondern auch auf kleinliche Regeln pfeift. Er hat andere Dinge im Kopf. Hier haben wir einen Jungen, der seinen Vater auf alltägliche Regeln hinweist, also selbst nach Struktur und Ordnung sucht, sie aber bei seinem Vorbild nicht findet. Ein Konflikt bahnt sich an, das ist deutlich zu spüren. Ach, und ganz nebenbei erfahren wir, dass das Auto gemietet wurde. Die Sätze sind kurz, aber aussagekräftig, wenn man sie in ihrem Kontext betrachtet.
Ich hoffe der Dialogpart ist so korrekt, ich schrieb ihn aus dem Gedächtnis nieder. 

Der akustische Dialog bedient sich der Kraft des Subtextes. Er besteht nicht notwendigerweise aus wenig Worten, aber aus den richtigen. Er weiß, dass er vergänglich erscheinen soll und es doch nicht ist. Er malt Bilder mit Worten, schreibt uns aber nichts vor.

Es ist keine einfache Art zu schreiben, aber sie kann zu grandiosen Ergebnissen führen. Wenn der Autor in Tönen denkt. Und den Subtext nicht vergisst.

By |2018-09-09T09:29:03+00:00September 6th, 2018|Hörspiel, Schreiben|0 Comments

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